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Eva Aeppli

Die Künstlerin Eva Aeppli wurde am 2. Mai 1925 in Zofingen (Schweiz) geboren und verstarb am 4. Mai 2015 in Honfleur (Normandie). In den Jahren 1943 bis 1945 besuchte sie Kurse an der Kunstgewerbeschule in Basel und lernte dort den Maler und Bildhauer Jean Tinguely kennen, mit dem sie nach Paris zog, von 1951 bis 1962 verheiratet war und Skulpturen herstellte.

Eva Aeppli wuchs in einem anthroposophischen Haus auf. Immer wieder erzählten ihr die Eltern von den Taten der Nationalsozialisten. Das 1935 erschienene Buch „Die Moorsoldaten. 13 Monate Konzentrationslager“ von Wolfgang Langhoff ergriff sie zutiefst und prägte ihre späteren Werke, in denen sich die Themen Traurigkeit, Einsamkeit und Tod widerspiegeln.

Die Künstlerin widmete sich zu Beginn ihres künstlerischen Schaffens Kohlezeichnungen düsterer Menschengestalten. Zudem stellte sie großformatige Gemälde her, die beispielsweise Totentänze oder Skelettberge darstellten. Eva Aeppli erhielt aufgrund der Anfertigung lebensgroßer Textilpuppen aus Seide und Samt große Bekanntheit.

 


 

Dame oder Bella, 1967
Genähte Figur aus Samt und ausgestopfter Lampenschirmseide, Rollstuhl aus Metall
140 ×  50 ×  90 cm
 

Eva Aeppli begann 1953 in Paris mit Nadel und Faden ihre Figuren zu nähen. Zuerst waren es Handpuppen, später lebensgroße Figuren. Dame oder Bella ist im wahrsten Sinn eine Plastik gewordene Figur aus der Themenwelt Eva Aepplis.

Die Figur weist Nähte auf, die über das Gesicht ziehen und damit Falten einzeichnen, zugleich aber auch den Eindruck einer schmerzhaft erworbenen Narben- Landschaft vermitteln. Die irritierend schief sitzenden Augen und die auf unterschiedlicher Höhe platzierten Ohren scheinen im Lauf eines von Entbehrung gekennzeichneten Lebens und des beginnenden körperlichen Verfalls erst in diese Positionen „abgesunken“. Die Kahlheit der ausgeprägten Kalotte, die schmale lange Nase, die langen und dürren, nackten Finger scheinen lediglich die fortgesetzte Linie des kaum unter dem Samt vorstellbaren Körpers zu sein, der geradezu skelettiert wirkt. Die „Füße“ sind- wie bei allen Figuren Eva Aepplis- unter dem Stoff „versteckt“- in Wirklichkeit sind nicht ausgearbeitet. Der weiße Wagen, auf dem die Puppe in der Taille befestigt ist, gibt zunächst den Anschein, ein Original- und damit ein objet trouvé – aus dem pflegerischen Bereich und somit als Rollstuhl identifizierbar zu sein. Tatsächlich ist bei näherem Hinsehen zu erkennen, dass auf dem unteren, fahrbaren Teil ein ursprünglich nicht zugehöriger, mit kleinen kreisrunden Öffnungen versehener Schalensitz montiert worden sein muss.

 

Immer wieder arbeitet Eva Aeppli mit dem Kontrast von Hart und Weich: Die Härte des Metalls bildet den Gegenpol zu der Weichheit des Samts, die dürren stabartigen „Beine“ wirken wie fleischlose Knochen und kontrastieren ebenso zu dem darüber fallenden Stoff, der nicht mehr ist als die Assoziation des Kleides. Der Kopfbereich ist sehr fest mit Kapok ausgestopft, weiche Seide hält das Material zusammen. Die überlängten Glieder der Hände wirken vor dem weichen Samt noch knöcherner. Die Anspannung schließlich, die Dame oder Bella mit der verkrampften Fixierung der Hände vor der Brust ausstrahlt, steht im Widerspruch zu dem ansonsten ohne Körperspannung im Stuhl geradezu schlaff sitzenden Körper. Die zurückhaltende Farbigkeit des Samts und der Seide ist bewusst gewählt. Mit derartigen Gegenüberstellungen unterschiedlicher Beschaffenheit von Stoff und Material führt Aeppli ihr Werk zu der unvergleichlichen und unverwechselbaren Intensität und Überzeugungskraft.
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