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25. April bis 31. Mai 2004

 
 
Wladimir Weisberg, „Portrait von Lia Costacis“
   

Wladimir Weisberg
„Portrait von Lia Costacis"
1960
Privatbesitz

 

   

Hinter dem Schlagwort des „Non-Konformismus" verbergen sich zahlreiche Stilrichtungen, die allesamt den Pluralismus einer „Anti- Kunst" in dem Sinne zusammenfassen, als dass sie jenseits der offiziellen Staatskunst, dem „Sozialistischen Realismus", zumindest existierten: inoffiziell versteht sich. Die sogenannte „Tauwetter-Periode" unter Chruschtschow, nach dem Parteitag der KPdSU 1956, hatte ein solches künstlerisches Handeln überhaupt erst ermöglicht, denn zu Zeiten Lenins war allein der Gedanke an eine Kunst jenseits der politischen Vorgaben überhaupt nicht vorstellbar.

Julo Sooster, Komposition
   

 

Julo Sooster, Komposition, 1963
Öl auf Leinwand, 49 x 70 cm
Privatbesitz

   

So trat ab Mitte der 50er Jahre im Verborgenen eine neue Künstlergeneration an, die sich damals mit allen denkbaren Spielarten der modernen Kunst auseinandersetzte. In inoffiziellen Kreisen, in denen man über diese Kunst Bescheid wusste und sie auch schätzte, wurde vor allem der Mut bewundert, den die Künstler aufbrachten, um ihren eigenen Weg zu gehen. Das allein sagte natürlich noch nichts über ihre künstlerische Qualität aus.

Edik Steinberg, Komposition
   

Edik Steinberg, Komposition
1972, Öl auf Leinwand
99 x 79,5 cm
Privatbesitz

 

   

Später, im Westen, als man die Non-Konformisten neu entdeckte, wurde zunächst die als Kunst von „Dissidenten" gewertete künstlerische Aussage als grundsätzlich positiv beurteilt, ohne dass man bereit war, sich über die ästhetische Relevanz und ihren gesellschafts-politischen Kontext intensiver auseinander zu setzten. Man wird aber bei einer kritischen Sichtung des überreichen Angebots an künstlerischen Themen und Stilen sich nicht auch dieser Dimension verweigern können. Aus sowjetischer Sicht erfolgte eine erste wichtige Bestandsaufnahme und ein offizielles Heraustreten aus dem Dunst des Verborgenen mit der von den Non-Konformisten selbst initiierten Ausstellung „Drugoe iskusstvo" (Die andere Kunst), die 1991 in Moskau stattfand. Hinzu kamen zahlreiche Ausstellungen, die den zeitlichen sowie künstlerisch-ästhetischen Kontext dieser im Westen weitgehend unbekannten Kunst allmählich aufgearbeitet und immer wieder neu vorgestellt haben. Dennoch ist bis heute die Zeit, vor allem die der sog. „Tauwetterperiode" unter Chruschtschow nicht gänzlich erschlossen, und zahlreiche Werke, der Kunst wie auch der Literatur, bedürfen noch der Sichtung und Interpretation.

Jewgeni Kropivnizkij, Komposition
   

 

Jewgeni Kropivnizkij, Komposition
1965, Öl auf Leinwand
80 x 100 cm
Privatbesitz

   

In den Anfangsjahren war es vor allem der sogenannte Lianosovo-Kreis, in dem sich Krasnopewzew, Oskar Rabin, Wladimir Nemuchin u.a., für einen inoffiziellen Kurs, für die Freiheit ihrer eigenen Denkungs- und Gestaltungsart entschlossen und wo dies immer wieder diskutiert wurde. Man rechnet ca. 30 Künstler zu dieser ersten Riege an „Non-Konformisten" (im Vergleich zu ca. 10000 Künstlern in der UdSSR), und begründete dies nicht so vordergründig mit Ästhetik oder künstlerischer Innovation. Sicherlich war das Handeln, jenseits des Sozialistischen Realismus Kunst zu konzipieren und frei zu handhaben, die eigentliche Revolution. Dies erklärt auch, weshalb zahlreiche der technisch ohnehin häufig brillianten Werke sich vielfach auch auf internationale Kunstströmungen bezogen oder gelegentlich sogar zurück in die Vergangenheit blickten, wenn Spielarten des Surrealismus oder Symbolismus, bis hin zu den frühen Abstrakten des Konstruktivismus zitiert werden.

Wladimir Nemuchin, Spieltisch
   

Wladimir Nemuchin
Spieltisch, 1994
Acryl/Collage auf Papier
150 x 130 cm
Privatbesitz

 

   

Darüber hinaus gibt es aber auch zahlreiche Beispiele, in denen ganz freie Formen entwickelt wurden, die Spielkarten-Tische von Wladimir Nemuchin, der Fotorealismus von Infante, die Collage-Elemente bei Oskar Rabin und die konzeptionellen, hoch subtilen Arbeiten von Ilja Kabakow. Neben den vielfach verschlüsselten Botschaften der Werke, die auf den unmittelbaren Kontext ihres Entstehens bezogen sind, und zu weiten Teilen eine sehr russische Sichtweise zum Sprechen bringen, sind es immer wieder auch Werke, die offensichtlich in einen vermittelnden Dialog treten und die Isolation aufzuheben trachten. Arbeiten von Nemuchin und Steinberg beispielsweise intendieren ohnehin nur die allgegenwärtige, allgemeinverständliche Sprache des Geistigen, die jegliche Grenzen schon lange hinter sich gelassen haben.

Oskar Rabin, Dorf Priluki
   

 

Oskar Rabin, Dorf Priluki
(Kirche mit Spiegelbild), 1966
Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm
Privatbesitz

   

Die Ausstellung in Koblenz präsentiert erstmals eine in Deutschland beheimatete Privatsammlung, die niemals zuvor in ihrer Bandbreite und künstlerischen Relevanz gezeigt wurde. Es werden ca. 140 Arbeiten von mehr als 30 Künstlern versammelt sein. Darunter befinden sich die Künstler des engsten Non-Konformisten-Kreises, der sich bereits Mitte der 50er Jahre zusammenfand, ebenso wie die wichtigsten Vertreter der 60er und 70er Jahre, von denen zum Teil noch jüngste Arbeiten integriert sind. Gerade diese verdeutlichen, wie der einmal begonnene Weg auch in Zeiten jenseits von Kaltem Krieg und Perestroika beschritten wird. Viele der in der Sammlung vertretenen Künstler sind Freunde Wladimir Nemuchins, einer der zentralen Figur des Non-Konformismus und enger Freund des Sammlers. Dies allein schon ermöglicht eine Folge qualitativ sehr dichter Arbeiten und die Wahrnehmung ihrer inneren Beziehungen.

Ilya Kabakow „Ich bringe Ihnen zur Kenntnis“
   

Ilya Kabakow „Ich bringe Ihnen zur Kenntnis", 1995
Collage mit Text und Fotos
42,5 x 31 cm
Privatbesitz

 

   

Zu den Künstlern zählen u.a.: Grisha Bruskin, Erik Bulatow, Francisco Infante, Wladimir Jakowlew, Wladimir Jankilewsky, Ilya Kabakow, Dima Krasnopewzew, Wladimir Nemuchin, Oskar Rabin, Igor Schelkowsky, Michail Schwarzmann, Julo Sooster, Marlen Spindler, Edik Steinberg, Anatoli Swerew, Wladimir Weisberg u.a.m. – Die Sammlung lässt so einen Überblick über nahezu 50 Jahre künstlerischem Schaffen zu, wobei sowohl Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Collagen, Skulpturen, Assemblagen etc. zugleich auch die Vielfalt der Techniken widerspiegeln.

Sie dokumentiert die künstlerische Kraft und den Mut zu politischen und humanitären Aussagen in Zeiten der Unterdrückung, sie lässt den Grad der Konzentration auf eine innere Sprache erahnen und verdeutlicht die Möglichkeiten künstlerischer Entfaltung nach Aufhebung der engen politischen Grenzen. Dies heißt nicht, dass ein Leben in Freiheit immer den Erfolg und die ersehnte Anerkennung gebracht hat. Viele der Künstler haben sich sowohl in der Heimat als auch in der errungenen Freiheit immer als Außenseiter, als Fremde, gefühlt.

 
 

Zur Ausstellung ist ein Katalog mit Beiträgen von Karl Eimermacher, Michail Grobmann und Beate Reifenscheid erschienen.

Edition: Anlässlich der Ausstellung erscheinen zwei neue Editionen von Wladimir Nemuchin und Edik Steinberg zum Preis von je ca. 99,-€

 
 

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Erik Bulatow "Am Eingang", 1994