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Sehnsucht und Aufbruch

Der russische Symbolismus als historische und aktuelle Dimension
1. September - 10. November 2002

Eine der großen geistigen und kulturellen europäischen Strömung, die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm und bis weit ins 20. Jahrhundert wirkte, war der Symbolismus. In Europa bahnte sich dieser Stil bereits ab 1860 in den Werken des Engländers D. Rossetti (Prä-Raffaelliten), in Frankreich bei Gustave Moreau und Puvis de Chavannes, in Deutschland schließlich bei Arnold Böcklin an. Menschenbild und Landschaft sind bei ihnen allen durchdrungen von einer tief empfundenen Spiritualität, von einer beseelten Verbundenheit aller geistig wirkenden Kräfte, die ein geheimnisvolles Band zwischen dem Diesseits und dem Jenseits zu knüpfen scheinen. Um die Jahrhundertwende setzt sich die Suche nach neuen Ausdrucksformen und Themen noch tiefgreifender und umfassender fort, weitet sich aus nach Norwegen, um im Werk von Eduard Munch eine neue suggestive Bildsprache zu entwickeln, die weit in Europa und in Rußland rezipiert wird. Aber auch die beiden bedeutenden Jugendstil-Künstler Franz von Stuck (München) und der Österreicher Gustav Klimt, die sowohl eine starke Erotisierung und lustvolle, gleichwohl aber negative besetzte Weiblichkeit inszenieren (Stuck: Sünde, 1893; N.P. München) als auch eine kosmologische Einheit von Natur und Mensch zelebrieren, liefern wichtige Impulse dieser Bewegung. Bei Klimt jedoch kommen auch sakrale, mehr noch metaphysische Grundzüge hinzu, z.B. in seinem "Beethoven-Fries" in der Wiener Seccession (1902).

Im Symbolismus vereinen sich die unterschiedlichsten Kräfte und bilden zahlreiche Facetten aus Philosophie, aufkommender Esotherik, Theosophie und wiederbelebter Mystik, die zusammen ein vielschichtiges Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen ermöglichen, die sich auf Malerei, Graphik, Dekoratives bis hin zu Literatur und Musik erstrecken. Der Symbolismus vereint als europäische Bewegung ein letztes Nachhallen der Romantik und leitet hinüber zu ersten Formen des modernen Ausdrucks, die es ermöglichen, ganz disparate Interessen zu vereinen: Man denke an Impressionismus, Jugendstil, Expressionismus, Fauvismus und Kubismus, an Parallelentwicklungen der Kunst also, die zeitlich dicht auf einander folgten und im Symbolismus die mächtige Anziehungskraft von mystischer Verbrämung und ästhetisiertem Stil erlebbar werden lassen.

Rußland bildet keine Ausnahme, sondern begleitet diese Stilrichtung mit den unterschiedlichsten Künstlern und Künsten. Es findet hier vielleicht seinen stärksten und eindrucksvollsten Stil, verbindet sich doch mit dem Symbolismus auch all das, was man als "Seele Rußlands" bezeichnen kann: der ausgeprägte Sinn für Ästhetik, ausgewogene Formen und harmonisches Kolorit, etwas Elegisches, Träumerisches, Tiefgründiges und Entrücktes zugleich. Vor allem in den ab 1880 auftretenden sog. "Stimmungslandschaften" verbinden sich Gedanken der romantischen Landschaftsauffassung mit einer deutlichen Nähe zum Symbolimus der Münchener Schule. Sie finden auch ihren Widerhall in Werken der russischen Literaten, z.B. Turgeniew und Dostojewskij. Auch die theoretische Basis für Künstler wird in grundlegenden Schriften wie "Die Schönheit der Natur", "Der allgemeine Sinn der Natur" und "Im Licht des Gewissens" manifestiert.

 

Ein Eindruck von der Ausstellung

Pressestimmen zur Ausstellung

Es entstehen in der Zeit vor und um 1900 nicht nur Landschaftsdarstellungen von hoher suggestiver Kraft, sondern auch die beiden symbolischen Pole von Elysium und Apokalypse. Sie zeugen zugleich von der Zerrissenheit der Zeit, die zwischen Idealität und Todesahnung schwebt. Der Symbolismus in Rußland konzentriert sich in der Darstellung weitgehend auf Landschaften, die durchdrungen sind von Askese und Sentiment, von einer geistigen Überhöhung, vom mythischen Einssein zwischen Mensch und Natur. Die dargestellten Menschen sind weitgehend typisiert und idealisiert, selbst in der Gemeinschaft meist isoliert wiedergegeben. Dies steigert ihre Idealität, vor allem dann, wenn mythische Themen die Grundlage bilden, die das Göttliche im Irdischen verkörpern und das Dasein gleichsam überhöhen. Spiritualität und Religiosität spielen im russischen Symbolismus eine weitaus größere Rolle als in der übrigen europäischen Bewegung.

Vor diesem geistigen Konzept werden nicht nur alle künstlerischen Errungenschaften der Epochen aufgesogen und eigenständig vorgetragen, in Rußland formulieren die Künstler sehr selbstbewußt ihre eigenen Experimente, ihr Suchen nach neuen, adäquaten Ausdrucksmöglichkeiten. Neben den bedeutenden Symbolisten des 19. Jahrhunderts wie Wrubel, Bakst und Repin, sind es im beginnenden 20. Jahrhundert vor allem Kandinsky, Chagall, der frühe Malewitsch, dann die in Rußland besonders gefeierten Künstler Petrow-Wodkin und Borissow-Mussatow.

Wenngleich der Symbolismus bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts bereits seinen Höhepunkt erreicht hat, lebte er als künstlerische Bewegung in Rußland inoffiziell weiter. Rußland bildet im Verbund mit den übrigen europäischen Staaten eine wesentliche Funktion als Mittler, als Kommunikator, dieser auf Idealität und Vergeistigung zielende Ausrichtung. Das in Varianten lange Fortleben dieser Bewegung in Rußland verdeutlicht nicht zuletzt auch, wie sehr die verklausulierte Bildbotschaft zu einem letzten Refugium künstlerischer Freiheit wird und bis weit in die 80er Jahre des 20. Jhs. relevant ist.

Die Ausstellung vereint 90 Gemälde, die den Zeitraum von ca. 1880 bis 1980 umspannen und vor allem in den jüngsten Arbeiten das Fortleben des Symbolismus in der russischen Kunst bis in die Gegenwart verdeutlichen. Hinzu kommen Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen sowie Kunstgewerbliches wie Porzellan, Gläser und Mobiliär, die ebenfalls den Geist des Symbolismus wiedererwecken und seine Durchdringung in alle Lebensbereiche vergegenwärtigen.

Alle Exponate stammen aus dem Staatlichen Russischen Museum in St. Petersburg und sind zum Großteil niemals zuvor in Europa gezeigt worden. Sie bilden das Kernstück russischer Identität.

Die Schirmherrschaft für die Ausstellung haben der Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, und der Botschafter der Russischen Föderation, Wladimir Krylow, übernommen.

Dr. Beate Reifenscheid
Ludwig Museum, Koblenz

Zur Ausstellung ist ein Katalog Sehnsucht und Aufbruch mit Beiträgen von Wladimir Lenjaschin und Beate Reifenscheid erschienen.

 
   

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