Ausstellungen

John Chamberlain

The Aesthetics of Industrial Material

26.08.2018 bis 21.10.2018

Die geknautschten, aus deformierten Autokarosserieteilen zusammengeschweißten Skulpturen des Amerikaners John Chamberlain haben bereits in den 1950er Jahren die Kunstwelt revolutioniert. Durch die ungewöhnliche Nutzung industriell vorgefertigter Materialien und deren vollkommen freien Umwidmung setzte er neue Prozesse künstlerischer Formen und einer am Konsum orientierten Ästhetik frei. Zunächst dem Nouveau Réalisme zugeordnet, weist sein Werk zugleich Bezüge zum Abstrakten Realismus und zur Minimal Art auf, behauptet schließlich aber große Eigenständigkeit in der Ausdrucksform. Bereits in den Mittfünfzigern des letzten Jahrhunderts wendet er sich dem Industrieschrott von Autos zu, den er eigens knautscht, in Form presst und zusammenschweißt. Ebenso wichtig wie die Form ist ihm das Zusammenspiel der Farben, in denen seine Arbeiten schillern und diese teilweise in eine gewisse Nähe zur farb-fröhlichen Pop-Art rücken.

Bereits zu Beginn markieren selbst die Titel der Werke Stationen seines Lebens, Begegnungen oder auch die Auseinandersetzung mit besonderen Themen. Chamberlains erste Arbeit mit Autoteilen entstand 1957, nachdem er bei seinem Künstlerkollegen Larry Rivers auf Long Island zu Besuch war und dort die Kotflügel von Rivers vor sich hin rostendem Ford abgerissen hatte. Anschließend fuhr er über diese Altmetallteile, um sie dann zu einem dunklen Gebilde zusammenzuschweißen. Rostiges Metall bearbeitete John Chamberlain, bis es wie ein zusammengeknüllter Haufen Papier aussah. Glänzendes Chrom erhob er zu würdevollen Skulpturen und bunte Autoteile setzte er zu kolossalen Wandreliefs und Farbspielen zusammen. Kurze Zeit später, Mitte der 1960er Jahre, beginnt Chamberlain auch, sich mit Schaummasse (ähnlich wie im Bauhandel gebräuchlich) zu befassen und entwirft neuartige Skulpturen aus Polyurethanschaum, den er ebenfalls schneidet, faltet oder fließend zerlaufend erscheinen lässt. Diese Werke, absolut ungewöhnlich in der Zeit, vermitteln große Zufälligkeit und Spontaneität. Wenig später wird auch der in Frankreich lebende Künstler César mit diesem Werkstoff arbeiten. Für Chamberlain bedeutet die Einbeziehung dieses Werkstoffes zuallererst eine intensive Erforschung der Form- und Materialmöglichkeiten.

Diesen Prozess des Erforschens und Experimentierens wird er Zeit seines Lebens aufrechterhalten, und so entwickelt er mit der Zeit eine Vielzahl an Werken und inhaltlich eng miteinander verknüpften Serien, in denen er die Autoblechteile auf unterschiedlichste Weise bearbeitet und verändert. Immer sind es farbige Autobleche, sowohl alte als auch fabrikneue, die er faltet, verbiegt, quetscht und zerknautscht und die er so seinem Veränderungswillen unterwirft, dass daraus meist leicht wirkende, teils sogar humorige Werke entstehen. Mit seinen ab 2000 entworfenen „Foiles“ schuf er schließlich eine Serie an Skulpturen, die an geknülltes, poppig-buntes Staniolpapier aus der Bonbonherstellung erinnern. Die Dimensionen verschob Chamberlain dabei mühelos: das am Schreibtisch entstandene, geknäulte Miniaturwerk (oft nicht höher als 10 cm) erschuf er final in monumentaler Größe, was zugleich die Spannung und die Überraschung auf Seiten des Betrachters provoziert.

Neben dem international bekannten skulpturalen Werk befasste sich Chamberlain intensiv  mit der Fotografie, die in der Ausstellung umfassend beleuchtet und thematisiert werden soll. Skulptur und Fotografie wirken unmittelbar wechselseitig aufeinander ein. Anders als die Skulpturen, die sich in ihrer Materialität positionieren, erscheinen die Fotografien Chamberlains von großer Unschärfe und Flüchtigkeit gezeichnet. Sie nehmen zugleich das Moment der Bewegung im Raum in sich auf. Chamberlain selbst formuliert dies mit „bending space“ (Krümmung des Raumes). Eher noch als seine Skulpturen mag man bei ihnen an die spontan-gestischen Strukturen abstrakt-expressionistischer Gemälde denken.

Chamberlain nutzte ab 1977 hierfür eine Widelux-Kamera, die ursprünglich zu Zwecken der urbanen und ländlichen Dokumentation durch Panoramaaufnahmen entwickelt worden war. Experimentierend erforschte er die Möglichkeiten, die sich ihm erschlossen, während er die Kamera mit schwenkenden oder ruckartigen Bewegungen durch den Raum führte und dabei eine lange Belichtungszeit einstellte. Es entstanden dabei nahezu filmische Momente, die es ihm ermöglichten, verschiedene Perspektiven in einem einzigen Foto festzuhalten. Nur schemenhaft erkennt der Betrachter nunmehr Umrisse, Strukturen, Farben oder Licht, wobei die Bewegung zugleich Raum und Zeit erfasst. In einigen seiner später zu Bildtafeln montierten Fotodrucken werden zudem auch Motive seiner Reisen und seiner eigenen Biografie sichtbar (sein Atelier, der Broadway, die Straßen in Paris und Amsterdam). Chamberlain nannte diese Fotografien gerne “self-portraits of my nervous system”.

In der Ausstellung werden ein umfangreiches Set an Originalfotos sowie einigen Skulpturen zu sehen sein, die ihrerseits die Ambivalenz zwischen fotografischem Impuls und skulpturaler Wirkung verdeutlichen. Gezeigt werden Werke aus dem Chamberlain-Estate, aus  Museen sowie Privatsammlungen.

Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit dem John Chamberlain Estate, New York: Sie wird gefördert vom Kultursommer Rheinland-Pfalz.


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