|
Eine der großen geistigen und kulturellen europäischen Strömung,
die im 19. Jahrhundert ihren Anfang nahm und bis weit ins
20. Jahrhundert wirkte, war der Symbolismus. In Europa bahnte
sich dieser Stil bereits ab 1860 in den Werken des Engländers
D. Rossetti (Prä-Raffaelliten), in Frankreich bei Gustave
Moreau und Puvis de Chavannes, in Deutschland schließlich
bei Arnold Böcklin an. Menschenbild und Landschaft sind bei
ihnen allen durchdrungen von einer tief empfundenen Spiritualität,
von einer beseelten Verbundenheit aller geistig wirkenden
Kräfte, die ein geheimnisvolles Band zwischen dem Diesseits
und dem Jenseits zu knüpfen scheinen. Um die Jahrhundertwende
setzt sich die Suche nach neuen Ausdrucksformen und Themen
noch tiefgreifender und umfassender fort, weitet sich aus
nach Norwegen, um im Werk von Eduard Munch eine neue suggestive
Bildsprache zu entwickeln, die weit in Europa und in Rußland
rezipiert wird. Aber auch die beiden bedeutenden Jugendstil-Künstler
Franz von Stuck (München) und der Österreicher Gustav Klimt,
die sowohl eine starke Erotisierung und lustvolle, gleichwohl
aber negative besetzte Weiblichkeit inszenieren (Stuck: Sünde,
1893; N.P. München) als auch eine kosmologische Einheit von
Natur und Mensch zelebrieren, liefern wichtige Impulse dieser
Bewegung. Bei Klimt jedoch kommen auch sakrale, mehr noch
metaphysische Grundzüge hinzu, z.B. in seinem "Beethoven-Fries"
in der Wiener Seccession (1902).
Im Symbolismus vereinen sich die unterschiedlichsten Kräfte
und bilden zahlreiche Facetten aus Philosophie, aufkommender
Esotherik, Theosophie und wiederbelebter Mystik, die zusammen
ein vielschichtiges Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen
ermöglichen, die sich auf Malerei, Graphik, Dekoratives
bis hin zu Literatur und Musik erstrecken. Der Symbolismus
vereint als europäische Bewegung ein letztes Nachhallen
der Romantik und leitet hinüber zu ersten Formen des modernen
Ausdrucks, die es ermöglichen, ganz disparate Interessen zu
vereinen: Man denke an Impressionismus, Jugendstil, Expressionismus,
Fauvismus und Kubismus, an Parallelentwicklungen der Kunst
also, die zeitlich dicht auf einander folgten und im Symbolismus
die mächtige Anziehungskraft von mystischer Verbrämung und
ästhetisiertem Stil erlebbar werden lassen.
Rußland bildet keine Ausnahme, sondern begleitet diese Stilrichtung
mit den unterschiedlichsten Künstlern und Künsten. Es findet
hier vielleicht seinen stärksten und eindrucksvollsten Stil,
verbindet sich doch mit dem Symbolismus auch all das, was
man als "Seele Rußlands" bezeichnen kann:
der ausgeprägte Sinn für Ästhetik, ausgewogene Formen
und harmonisches Kolorit, etwas Elegisches, Träumerisches,
Tiefgründiges und Entrücktes zugleich. Vor allem in den ab
1880 auftretenden sog. "Stimmungslandschaften"
verbinden sich Gedanken der romantischen Landschaftsauffassung
mit einer deutlichen Nähe zum Symbolimus der Münchener Schule.
Sie finden auch ihren Widerhall in Werken der russischen Literaten,
z.B. Turgeniew und Dostojewskij. Auch die theoretische Basis
für Künstler wird in grundlegenden Schriften wie "Die
Schönheit der Natur", "Der allgemeine Sinn der Natur"
und "Im Licht des Gewissens" manifestiert.
|
  |
Pressestimmen zur Ausstellung

Es entstehen in der Zeit vor und um 1900 nicht nur Landschaftsdarstellungen
von hoher suggestiver Kraft, sondern auch die beiden symbolischen
Pole von Elysium und Apokalypse. Sie zeugen zugleich von der
Zerrissenheit der Zeit, die zwischen Idealität und Todesahnung
schwebt. Der Symbolismus in Rußland konzentriert sich in der
Darstellung weitgehend auf Landschaften, die durchdrungen
sind von Askese und Sentiment, von einer geistigen Überhöhung,
vom mythischen Einssein zwischen Mensch und Natur. Die dargestellten
Menschen sind weitgehend typisiert und idealisiert, selbst
in der Gemeinschaft meist isoliert wiedergegeben. Dies steigert
ihre Idealität, vor allem dann, wenn mythische Themen die
Grundlage bilden, die das Göttliche im Irdischen verkörpern
und das Dasein gleichsam überhöhen. Spiritualität und Religiosität
spielen im russischen Symbolismus eine weitaus größere Rolle
als in der übrigen europäischen Bewegung.
Vor diesem geistigen Konzept werden nicht nur alle künstlerischen
Errungenschaften der Epochen aufgesogen und eigenständig vorgetragen,
in Rußland formulieren die Künstler sehr selbstbewußt ihre
eigenen Experimente, ihr Suchen nach neuen, adäquaten Ausdrucksmöglichkeiten.
Neben den bedeutenden Symbolisten des 19. Jahrhunderts wie
Wrubel, Bakst und Repin, sind es im beginnenden 20. Jahrhundert
vor allem Kandinsky, Chagall, der frühe Malewitsch, dann die
in Rußland besonders gefeierten Künstler Petrow-Wodkin und
Borissow-Mussatow.
Wenngleich der Symbolismus bis in die 20er Jahre des 20.
Jahrhunderts bereits seinen Höhepunkt erreicht hat, lebte
er als künstlerische Bewegung in Rußland inoffiziell weiter.
Rußland bildet im Verbund mit den übrigen europäischen Staaten
eine wesentliche Funktion als Mittler, als Kommunikator, dieser
auf Idealität und Vergeistigung zielende Ausrichtung. Das
in Varianten lange Fortleben dieser Bewegung in Rußland verdeutlicht
nicht zuletzt auch, wie sehr die verklausulierte Bildbotschaft
zu einem letzten Refugium künstlerischer Freiheit wird und
bis weit in die 80er Jahre des 20. Jhs. relevant ist.
Die Ausstellung vereint 90 Gemälde, die den Zeitraum von
ca. 1880 bis 1980 umspannen und vor allem in den jüngsten
Arbeiten das Fortleben des Symbolismus in der russischen Kunst
bis in die Gegenwart verdeutlichen. Hinzu kommen Zeichnungen,
Aquarelle, Gouachen sowie Kunstgewerbliches wie Porzellan,
Gläser und Mobiliär, die ebenfalls den Geist des Symbolismus
wiedererwecken und seine Durchdringung in alle Lebensbereiche
vergegenwärtigen.
Alle Exponate stammen aus dem Staatlichen Russischen Museum
in St. Petersburg und sind zum Großteil niemals zuvor in Europa
gezeigt worden. Sie bilden das Kernstück russischer Identität.
Die Schirmherrschaft für die Ausstellung haben der Ministerpräsident
des Landes Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, und der Botschafter
der Russischen Föderation, Wladimir Krylow, übernommen.
Dr. Beate Reifenscheid
Ludwig Museum, Koblenz
|